Viele Sprachen, Teil des Ganzen, Teil von Taizé

Die Sonne steht senkrecht über unseren Köpfen und schickt ihre heißen Strahlen zu
uns, während wir in einer Reihe mit vielen anderen Menschen stehen. Die
Stimmung ist ausgelassen, die meisten unterhalten sich in den unterschiedlichsten
Sprachen und trotzdem fühlt man sich in dieser Schlange als Teil des Ganzen, als
Teil von Taizé.
Wir, das sind die Schüler der Klassen 10 und 11 des Hölderlin-Gymnasiums, stehen
mit anderen jungen Menschen aus allen Teilen der Erde in einer Schlange, um auf
das Essen zu warten. Zu den ökumenischen Jugendtreffen kommen jährlich mehr
als 100.000 Besucher in das kleine Dorf zehn Kilometer nördlich von Cluny in
Frankreich. Auch wir haben die 600 Kilometer Fahrt auf uns genommen, um hier
eine besondere Woche zu erleben und neue Menschen kennenzulernen.
Hier ein paar Auszüge aus unserer wunderbaren Woche in Taizé:
Dienstag, der 16. Juli 2019, 23 Uhr, Bushaltestelle am HöGy:
49 Reisende auf der Suche nach dem perfekten Sitz(Liege-)platz, um wenigstens ein
paar Stunden schlafen zu können.
Mittwoch, der 17. Juli 2019, 4 Uhr, irgendwo in der Pampa:
98 verschlafene Äuglein, die voller Panik aus dem Fenster schauen, da eine Stimme
„Bitte steigen sie aus dem Fahrzeug aus“ in die kalte Nachtluft gehaucht hat. Zum
Glück hat das Aussteigen unser Busfahrer übernommen und wir konnten nach ein
paar endlosen Minuten die dritte Mautstelle hinter uns lassen.
Mittwoch, der 17. Juli 2019, 6.31 Uhr, auf einem Parkplatz endlich in Taizé:
Mit den Worten: „Die Nachtruhe dauert bis sieben Uhr, Zelte aufbauen ist im
Moment leider noch nicht drin“, zerplatzt unser Traum von einem gemütlichen
Zelt, in dem wir noch eine kurze Ewigkeit hätten schlafen können. Stattdessen
heißt es Gepäck schnappen, um noch eine halbe Stunde zu warten, die meisten
nutzen diese Zeit um meditativ ins Leere zu starren. Ein paar übermotivierte
Menschen gibt es aber auch, die um diese unmenschliche Zeit Federball spielen,
sich über die kommenden Tage unterhalten oder die Gegend erkunden.
Mittwoch, immer noch der 17. Juli 2019, 8.57 Uhr, in der berühmten Schlange vor
der Essensausgabe:
Mittlerweile steht der Großteil der Zelte, sehr zum Leidwesen unserer Nachbarn,
ein paar Portugiesen, die anscheinend lieber schlafen wollten, als unseren
Diskussionen zuzuhören, wie man ein Zelt am besten aufbaut oder wo der perfekte
Ort für die nächsten vier Tage sei, dies gaben sie uns dann auch sehr deutlich zu
verstehen …
Endlich vorne angekommen bekommen wir ein Weckle, Butter und zwei Taizé-
Schokolädchen, wer will noch einen Kakao auf Wasserbasis oder einen Tee in der
Geschmacksrichtung Wasser. Ausgerüstet mit dem typischen Taizé-Frühstück suchen
wir uns einen Platz, um es uns schmecken zu lassen und den ersten Gottesdienst in
diesem Jahr in Taizé (für die Hälfte sogar der erste überhaupt), den wir bereits vor
dem Frühstück besuchen durften, Revue passieren zu lassen.
Donnerstag, der 18. Juli 2019, 10.00 Uhr, Point 5
Für die über 16-Jährigen heißt es heute PUTZEN, dafür treffen wir uns mit den
anderen am Point 5, einem kleinen überdachten Ort, von welchem man
ausgesendet wird, um zum Beispiel die Sanitäranlagen zu reinigen, Müll aufzulesen
oder Mülleimer von außen zu reinigen. Die Communauté de Taizé basiert nämlich
auf der Gemeinschaft. Jeder packt mit an, damit die Woche reibungslos abläuft,
alle etwas zu essen bekommen und es sauber bleibt. Bevor sich jeder mit Eimer
und Besen bewaffnet, singen alle zusammen noch ein umgedichtetes Lied, um die
Motivation zu steigern. Heute ist das Pinguin-Lied an der Reihe, welches
mittlerweile schon Kultstatus erreicht hat.
„Have you ever seen a penguin in Taizé, if you look at me a penguin you will see!“.
Mit diesem Ohrwurm machen sich dann alle an die Arbeit.
Freitag, der 19. Juli 2019, 11:56 Uhr, Zeltplatz
Eindringlinge, Eindringlinge, die unseren Schatten und unsere Ruhe klauen. Dies
sind die ersten Gedanken, die wir haben, als wir von der Bibeleinführung der unter
17-Jährigen kommen. Neben unserem zunächst so perfekten Zeltplatz ist eine
Gruppe Deutsche angereist. Sie klauten morgens unseren Schlaf, da ein Mädchen
namens „Spagat-Amelie“ eine Spinne in ihrem Zelt entdeckte, welch Überraschung,
und daraufhin den kompletten Zeltplatz mit einem Schrei weckte, bei dem
niemand mehr schlafen konnte. Nachdem uns aber aufgefallen war, dass wir
genauso Eindringlinge für die Portugiesen gewesen sein mussten, unterhielten wir
uns ein paar Mal mit ihnen und merkten, dass sie ja ganz nette Menschen waren,
wie eigentlich alle in Taizé.
Freitag, der 19. Juli 2019, 15 Uhr, Treffpunkt N (Seitenschiff der Kirche)
Die Bibeleinführungen für die über 16jährigen mit Bruder Benoit sind immer eine
bereichernde Mischung aus lustigen, tiefgründigen und biblischen Gesprächen. Auf
witzige Art und Weise begeistert er hunderte Jugendliche dafür, sich näher mit
ihrem Glauben auseinanderzusetzen, dazu vergleicht er Gott auch mal mit einem
Navi.
Nach dem Gespräch treffen sich alle noch in ihren Kleingruppen, um sich über die
Bibelstelle zu unterhalten, Gedanken auszutauschen oder „Chef, Vize“ in einer sehr
komplizierten, aber auch sehr witzigen, länderverbindenden Tierversion zu spielen.
Samstag, der 20. Juli 2019, 17 Uhr, La Morada (Haus für alles)
Nach dem obligatorischen Gruppenbild treffen wir uns heute mit einem Bruder, um
mit ihm über sein Leben in Taizé zu reden. Eine Stunde stellen wir ihm sämtliche
Fragen, die uns interessieren, und er beantwortet alle geduldig und souverän.
Fragen wie „Warum tragen sie einen Ring, wenn sie doch gar nicht heiraten
dürfen?“ oder „Wie kamen sie nach Taizé?“ aber auch „Müssen sie dasselbe Essen
wie wir essen?“ bilden eine spannende, lustige, pikante und nachdenkliche
Mischung.
Danach stellen wir uns etwas betrübt in der Schlange an, da dies unsere letzte
Mahlzeit hier in Taizé, zumindest für dieses Jahr, ist.
Samstag, der 20. Juli, 23.30 Uhr, in unserem heißgeliebten (kleiner Spaß am Rande)
Reisebus
49 Reisende auf der Suche nach dem perfekten Sitz(Liege-)platz, um wenigstens ein
paar Stunden schlafen zu können.
Ja es ist tatsächlich schon wieder Samstagabend, die Zeit hier verging rasend
schnell, sodass wir alle im Bus sitzen und mit traurigem Blick die letzten Lichter
von Taizé verschwinden sahen. Allerdings freuen wir uns auch wieder auf unser
eigenes Bett, ohne schnarchende Nachbarn oder geschmolzene Gummibärchen, da
es im Zelt gefühlte 100 Grad hatte. Der letzte Gottesdienst in Taizé war die
Lichtnacht, in der jeder eine kleine Kerze bekommt, im Laufe des Gottesdienstes
wird dann die Flamme von den Brüdern aus, als Zeichen der Gemeinschaft, von
jedem Einzelnen an den Nächsten weitergegeben. Dies ist eine wirklich schöne
Erfahrung, die uns berührt hat und wir sicherlich nicht so schnell wieder vergessen
werden.
Sonntag, der 21. Juli, 6 Uhr, wieder an der Bushaltestelle am HöGy
Ziemlich verschlafen steigen wir aus dem Bus in die kalte Morgenluft. Nachdem wir
uns voneinander verabschiedet haben, geht jeder seinem gewohnten Trott in den
Alltag nach, oder besser gesagt in sein Bett, aber nicht ohne Taizé, die Gedanken
aus den Stillezeiten oder das „Taizé-Gefühl“ im Herzen zu tragen. Ich denke, ich
kann für die meisten sprechen, wenn ich behaupte, Taizé ist eine Zeit, um raus aus
dem Alltag zu kommen, sein eigenes Leben zu reflektieren und mit neuen
Gedanken, Einstellungen und Werten zurück nach Deutschland zu kommen.
Wir danken allen, die diese Reise ermöglicht haben, Danke an unsere Betreuer, die
Busfahrer und die Schulleitung.
Amelie Fischer

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